Ein Ahnentuch

Ein Ahnentuch habe ich malend begonnen zu weben.

Schon oft habe ich mich mit dem Thema der Ahnen auseinandergesetzt. Aber eben, mit dem Thema, als wäre es eine Geschichte ausserhalb von mir. Dabei geht es tief unter die Haut, ich würde sogar sagen, es sind die Knochen in uns, die zu uns sprechen.

Wir alle haben Vorfahren und oft haben wir sie noch erlebt, manchmal aber haben wir Eltern früh verloren oder wir wissen einfach, dass wir einmal Grossmütter, Urgrossmütter, Grossväter und Urgrossväter hatten, aber gekannt haben wir sie nicht.

Unterdessen bin ich selber Grossmutter und ich schaue mit anderen Augen zurück auf mein Leben, auf die Ahnen hinter mir. Oft wünsche ich mir, ich könnte zu meinen Grossmüttern sitzen, ihnen zuhören, was sie wirklich zu sagen haben, was sie aus ihrem Leben erzählen, was sie bewegt hat, welche Wünsche auf der Strecke geblieben sind, vor lauter Überlebensmodus. Ich möchte sie selber kennenlernen, jetzt als erwachsene, reife Frau und sie nicht über das definieren, was mir weitererzählt worden ist oder was ich als Kind von aussen erlebt habe. Wie wär das schön, wenn ich mich ihnen anvertrauen und sie heute um Rat fragen könnte! Natürlich rede ich auch so mit ihnen und spüre ihre Präsenz.

Meine Grossväter sind früh verstorben oder waren in sich gekehrt, ich kenne sie kaum. Was ging wohl in ihnen vor? Stimmt das alles, was man über sie erzählt? Gerne würde ich ihnen in die Augen schauen und die echte Grossvaterkraft spüren.

Von meinen Urgrosseltern gibt es Fotos und Geschichten. Zum Beispiel von einer Urgrossmutter, die im Krieg mit hartem Regime den Hof in Schwung hielt. Auf einem Schwarzweissfoto, umringt von ihren vielen Söhnen, sitzt sie stolz und ausdrucksstark da. Aber schwingt da nicht auch ein wenig Schalk um ihren Mund?

Wenn ich meine Ahnen auf den alten, vergilbten Fotos sehe, höre ich die Stimmen derer, die von ihnen erzählen. Sehr oft höre ich auch von den Auseinandersetzungen, die sie untereinander hatten. Sie warfen sich Unverschämtheiten vor, die mein Ahnenfeld zu einer unangenehmen Landschaft machten. Abgesehen vom äusseren Krieg, gab es Streit im Kleinen. Ja, ich gebe es zu, auch ich war nicht immer die Verständnisvolle.

Immer wieder sagte ich mir, lassen wir es ruhn, es ist vorbei. Ja, es ist vorbei und trotzdem wünsche ich Versöhnung, Respekt und Frieden in diesem wunderschönen Ahnenfeld. Dieses, mein Ahnenfeld ist nämlich voller Kreativität und Humor. Wie gesagt, nicht alle konnten es ausleben, aber es ist immer wieder aufgetaucht. Da wurde musiziert, getanzt, geschrieben, gedichtet, gemalt, Handwerk hergestellt, nachhaltige Erfindungen gemacht, studiert und kommuniziert, aber auch heftig diskutiert.

Die eine Grossmutter zum Beispiel, konnte so verschmitzt lachen, wenn sie bei einem Brettspiel geschummelt hat. Die andere hat herzhaft am Klavier gesungen, überhaupt, gesungen wurde viel, trotz hartem Leben. Und die dritte, ja, ich habe drei Grossmütter wedelte lustig mit ihrer Hand vor meiner Nase, band mir daraufhin einen kleinen Korb um die Taille und sagte, nun geh schon auf den Kirschbaum und iss soviel von den saftigen Früchten, wie du magst, und den Rest bringst du nach Hause.

Darum habe ich mich entschieden, ein Ahnentuch malend zu weben. All diese Kraft in einem Bild zu verbinden, seien es die Auseinandersetzungen oder die allzeit präsente Freude und Kreativität.

Während ich hier schreibe, wird es mir ganz warm ums Herz. Meine Knochen pulsieren, das Blut meiner Vorfahren rauscht durch meine Adern. Ich bedanke mich bei ihnen allen von Herzen fest! Wie auch immer sie ihr Leben gelebt haben, sie haben versucht ihr Bestes zu geben, zu lernen und zu lieben.

Ich habe Glück, ich fühle mich reich beschenkt und webe diese Ahnenkraft munter weiter. Ich höre nicht auf, dieses wundervolle Feld zu ehren, die Kreativität und den Humor zu leben. Mich daran zu erinnern, besonders dann, wenn ich mal wieder am Zweifeln bin. Herzhaft laut lachen und wahrhaftigsein und wenn dies bedeutet ebenso herzhaft laut wahr zu sein, wie das Lachen…..

Ja, ich webe ein Ahnentuch, nicht nur malend (es wird, glaube ich nie fertig), sondern auch jeden Tag aufs Neue mit meinen Tun, auf dass meine Kinder und Enkelkinder es weiterweben können, mit allem, was sie ausmacht. Sie sollen mit neuen Ideen mutig drauflos weben, so wie ich es tue, und alle vor uns auch. Wie wohl die Welt aussehen würde, wenn ganz viele, mit purer Lebensenergie durchwobenen Ahnentücher von den Händen der Menschen liebevoll gehalten und sie mit ihnen im Sonnenlicht und im Wind tanzen würden?

Ein Miteinander voller Vergebung, Respekt und Frieden. Und ganz, ganz wichtig….. voller Freude!

Wir alle haben ein riesiges Ahnenfeld, das weit zurückreicht. Da sind aber nicht nur unsere physischen Ahnen zu finden. Unsere spirituellen Ahnen melden sich auch immer wieder. Manchmal fällt eine Eingebung uns zu und wir wissen gar nicht woher…… tja…….

Ich wünsche dir einen wunderschönen Sommer, einen Sommer voller schöner Wunder oder sommerschöne Wunder! Geniess das leichte Verbundensein mit allem, was das dein Leben ausmacht.

Ayé!

Iris, die WeltenWindFrau

https://weltenwind.ch

Und….. auf dieser Website findest du die Monatsbotschaft für den Juli. Ein Rabenpaar erzählt……

Eine Forschungsreise

Eine Forschungsreise, das klingt nach Abenteuer weit weg von Zuhause. Vielleicht irgendwo in Südamerika, wo es noch viel Unentdecktes gibt.

Ich gebe es dir gleich zu, auf dem Foto siehst du nicht die Iguazu- Wasserfälle. Ich weiss, das hast du längst erkannt, und so bin ich auch nicht weit gereist. Quasi vor meiner Ateliertüre fliesst die Töss. Sie hat sehr schöne kleine Steininseln und ich sitze mit meinem Laptop mittendrin. Es hat einigen Mut gekostet ins Kalte Wasser zu steigen, um auf den glitschigen Steinen zur Insel zu gelangen. Wir, die Elektronik und ich, sind heil angekommen, der Weg zurück steht uns noch bevor….

Ich niste mich auf einem Kissen zwischen den Steinen gemütlich ein und forsche. Natürlich, wie könnte es anders sein, in meinen inneren Ländern. Eigentlich hat diese Reise schon vor ein paar Jahrzehnten begonnen. Ich erinnere mich an den Moment, als ich mit gut zehn Jahren auf einen Baum geklettert bin und mein Stiefvater mir zurief: »Rölfli, schaffst du es auch wieder herunter?»

Damals stockte mir der Atem. Wie hat er mich eben genannt? Bin ich ein Junge, weil ich auf Bäume klettere? Dürfen Mädchen das nicht auch? War das ein Lob oder eine Beleidigung? Dass ich vielleicht nicht mehr vom Baum klettern oder gar hinunterfallen könnte, war für mich keine Frage. Ich vertraute dieser Kraft, dass sie mich trug oder gar auffing. Aber wer war ich nun? Ich sass da oben und wäre am liebsten nicht mehr heruntergekommen. Dem Baum war es egal, wer oder was ich war, aber mir? Was dachten die anderen von mir?

Das Bäumeklettern war irgendwann vorbei, obwohl es mich immer wieder mal juckt, aber die Forschungsreise nach meiner Identität ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Ich habe viel Erstaunliches entdeckt und jedes Mal dachte ich, so, jetzt weiss ich es!  Und kurz darauf stellte ich oder mein Leben alles wieder in Frage.

Geklärt ist, dass ich weiblich bin, dass das in Fragestellen meines Pioniergeistes eine Beleidigung war und dass die Suche nach meinem «wer bin ich», mich noch immer verunsichert.

Nun sitze ich mit einem Laptop auf den Knien mitten in der Natur und bin etwas irritiert… was für Gegensätze! Warum habe ich nicht Papier und Stift mitgenommen? Hm. Es rauscht um mich herum, Wasser kann sehr laut sein. Und es hört nicht auf! Es rauscht einfach weiter. Dem Fluss ist es egal, wer wie hiersitzt und womit sie beschäftigt ist oder was gerade tut. Das Wasser ist lauter als meine wilden Gedanken, ja, es nimmt sie einfach mit.

Ich spüre die Abendsonne im Rücken, die Büsche und Bäume, die das Ufer säumen, geben mir Schutz und Geborgenheit, obwohl mich alle sehen können, die den Weg entlang gehen. Was sie wohl denken? Was ist das für eine Verrückte dort drüben? Heisst sie etwa Rölfli?

Ich gebe nun jeden Widerstand auf und lasse mich vom Rauschen wegtragen, weg von all dem, was andere über mich denken könnten. Ich bin auf Forschungsreise meiner selbst und das zählt. Ich fliesse mit der Töss in meine Welten, wo ich Zuhause bin.

Da sind Eigenheiten von mir, die ich unterdrückt habe, weil ich merkte, dass sie sie nicht gefragt waren. Wesenszüge, die der Anpassung zum Opfer gefallen sind. Meine Forschungen bringen mich an Orte, die mich zum Schmunzeln bringen, die mir zurufen, liebe mich! Ganze Länder, wo ich vor Freude und Stolz tanze und laut, am liebsten kreuzfalsch, singe. Da sind aber auch solche, die mich zum Weglaufen bewegen. Orte, wo es mir Angst und Bange wird, wo ich den Kopf über mich selber schüttle, was hast du dir nur dabei gedacht?

Es gibt tausend Methoden Frieden mit diesen unbequemen Orten zu schliessen. Und ich sage dir nichts Neues, dass diese Arbeit anstrengend, aber heilend ist.

In letzter Zeit entdecke ich mich wieder neu. Ich reduziere. Mein Innenleben ist nicht mehr ein undurchdringlicher Dschungel und ich habe genug vom Reisen.

Da ist ein Licht in mir und in dir!, bei dem es sich verweilen lässt und das ich liebe!

Wir sind eine wunderbare Kraft, der wir durch und durch vertrauen können.

Wir haben einen einzigartigen Herzraum, der Liebe schenkt und empfängt.

Lassen wir doch den Frieden und die Freude in uns Platz nehmen und spüren, wie die Freiheit sich ausbreitet, wie ein warmes Federkleid.

Seien wir wahrhaftig, verbunden mit unserer Seele, denn sie flüstert uns den nächsten Schritt ein.

Meine Forschungsreise wird wohl ein Leben lang andauern. Mit wenig Gepäck reist es sich aber leichter……. ich hätte besser ein Papier und einen Stift mitnehmen sollen, da wäre jetzt mein Heimweg einfacher…..  Aber so, wie ich es schaffte voller Vertrauen vom Baum hinunter zu klettern, weil ich mit der Wesenheit Baum verbunden war, so unterstützt mich das kalte Wasser der Töss, das um meine Beine wirbelt, wieder ans Ufer zu gelangen.

So. Ich bin in wieder drüben und lache vor mich hin. Ich habe einen Weg gefunden, der mich über Steine ans Ufer hüpfen liess! Sicher und trocken spaziere ich dem Feldweg entlang zurück zum Atelier. Ich singe ein schräges, Glückslied: Was für eine super Idee, Iris, den Laptop in die Natur mitzunehmen! Ich habe gut gewählt. Morgen ist der der 3. Und ich kann dir nun ganz leicht den Bericht meiner Forschungsreise bei WordPress posten.

Rauschende Liebesgrüsse aus dem Tösstal in der Schweiz zu dir!

Rölfli…. und….

Iris, der Weltenwindfrau!

http://weltenwind.ch

Danke, liebe Leserin, lieber Leser für dein Hiersein! Du bist nicht nur für mich wichtig………. geniess das Frühlingsspriessen und viel Freude auf deiner eigenen Forschungsreise…..

   

Die Kraft der Zartheit

Nebel steigt langsam aus dem Tal, so als würde er sich von Baum zu Baum den Berg hinauf hangeln. Er taucht alle schroffen Kanten in weiche Linien. Zartheit breitet sich aus.

Alles ist milchig weiss, nur noch die zarten Verläufe der Äste bewegen sich vor meiner Nase. Die Bäume werden lebendig. Es sind Wesenheiten, die nicht mehr ruhig und gelassen dastehen. Je länger ich sie betrachte, desto lebendiger werden sie. Die Zartheit des Nebels hüllt sie ein und ihr ureigener Ausdruck nimmt die Gelegenheit wahr, sich zu zeigen.

Die Bewegungen sind langsam und fliessend. Raum und Zeit verschwinden, sie wirken so frei!

Da neigt sich die Eiche mit ihren starken, verwinkelten Armen sanft zu der noch jungen Kastanie, deren Finger schnurgerade in den Himmel zeigen. Und da beginnt der Tanz. Zart berühren sie einander und flüstern sich geheime Worte zu. Diese Klarheit in ihren Bewegungen, diese Eleganz, dieser Frieden des Miteinanders, es ist eine einzige Einladung, mich ihnen anzuschliessen.

Mit meinen Händen und Armen, ja mit meinem ganzen Körper versuche ich ihren Linien zu folgen, ganz leise, ganz achtsam, der Baummelodie folgend. Ich verspüre den Wunsch wie sie zu sein. So sicher in dem, was sie tun, so verankert in ihrem Sein. Zweifeln sie denn niemals?

Wie schaffen sie es ihre Liebe, ihr Leben ganz und gar dem Sein zu widmen?

Sie lassen Wind und Wetter einfach zu. Ich sehe ihnen an, wie ihre Äste sich genau deswegen unaufhaltsam einen Weg in ihr Wachstum suchen. Ich staune über diese Schönheit und lasse mich von ihr mitnehmen. Da! Ich spüre ein Pulsieren in diesen lebendigen Wesen….ja, ich bin ganz sicher! Mit aller Kraft und Zartheit wollen Knospen einen Weg ans Licht finden. Diese Kraft und Unbeirrbarkeit!

Ich werde still. Ich nehme meine Astarme nah zu mir. Spüre den Lebenslinien nach, die mich in den letzten Jahren berührt haben. Bin ich ihnen mit Zartheit, Wohlwollen und Achtsamkeit begegnet? Mein Herz erinnert sich an wunderschöne, berührende Begegnungen. Aber auch an verbissenes Kämpfen, an Misstrauen und Ablehnung.

Der Winter geht bald zu Ende und der Frühling steht vor der Türe. Es ist genau die richtige Zeit, Abschied von den letzten verrückten Jahren zu nehmen. Ich wünsche mir, dass ich es schaffe, mit jedem Frühling, den ich erlebe mit Verständnis, Liebe und Annahme darauf zurückzuschauen.

Aber jetzt lasse ich mich erstmal von der Zartheit des Nebels einhüllen, auf dass ich wieder den Mut finde mich in meinem Sein zu finden und mich endlich frei zu bewegen.

Was kitzelt mich da in meinen Händen? Kann es sein, dass sich da mutigzart die ersten Knospen melden?

Bald gibt es auf http://weltenwind.ch neue Kurse, schau nach, vielleicht hat es auch etwas für dich dabei?

Der erste Frühling kommt!

Ich grüsse dich mit der Kraft der Zartheit

Iris