Ein Geschenk

Ein Geschenk, ein Geschenk, ein Geschenk…..

Ich bin ein Geschenk, ich bin ein Geschenk, ich bin ein Ge….

Hach, ich bin so müde! Ich sollte schlafen, aber die Worte von der alten Frau letztes Jahr kribbeln in mir, als sollte ich sofort, jetzt, in diesem Moment aufwachen und blühen.

Die kleine Wurzel, die gar nicht tief in der Erde ausharrt, ist ungeduldig.

Wann ist endlich Frühling? Ich mag nicht mehr warten! Den ganzen Sommer über haben sich meine grünen, kleinen Blätter zwischen Gräsern und Gehölzen verkrochen. Ja manchmal haben wir uns ganz in die Erde verzogen. Im Herbst haben uns die Blätter zugedeckt und im Winter der Schnee oder der harte Boden. Ich will raus! Ich bin doch ein Geschenk!

Die kleine Wurzel bewegt sich, um zu prüfen, wie weich der Boden ist. Jetzt im Winter, fühlt sie sich zwischen Steinen, kalter Erde, Blumenzwiebeln und anderen Wurzeln eingesperrt.

Unbeweglich zu sein ist einfach zum Schreien. Aber hier unten würde es niemand hören.

Doch ich! Sagt die kleine Krokuszwiebel neben ihr. Könntest du einfach mal still sein? Der Winter ist sicher noch lang und, wenn du schläfst, geht die Zeit schnell vorbei.

Ich kann nicht schlafen! Ich will raus, an die frische Luft. Ich bin ein Geschenk! Ich will die Freude der Menschen hören, ich warte doch schon so lange!

Ich auch, hab Geduld und sei still. Schlaf jetzt, wie alle anderen hier unten auch.

Die kleine Wurzel murrt noch ein wenig, dann wird sie still, wackelt aber voller Protest mit den kleinsten Würzelchen, die sie schon mit Vorfreude hat wachsen lassen.

Warum muss ich immer das machen, was die anderen sagen? Warum muss ich mich anpassen und still sein, nur weil die anderen mich nicht hören wollen? Schlafen, hach, das ist doch langweilig, erst recht sooo viele Monde lang! Wir könnten doch etwas spielen? Oder singen? Oder einander mit den Wurzeln kitzeln? Oder rätseln, wie das Wetter da oben ist oder vom letzten Jahr erzählen? Wir könnten Wetten abschliessen, wer uns als erstes sieht, wenn wir denn mal blühen. Laut ruft sie:

Ihr seid langweilig!

Schschschschscht!!! zischt es zu ihr zurück, so dass der ganze Boden zittert.

Beleidigt, zieht sie ihre Würzelchen zurück. Jetzt ist es wieder ganz still im Winterboden. Das heisst aber nicht, dass die kleine Wurzel nun schläft! Im Gegenteil. Sie bleibt zwar unbeweglich, aber der Weg nach innen lässt ihr wenigstens Spielraum, wenn es nach aussen schon nicht geht. Da entdeckt sie eine winzig kleine Menge Saft, er fliesst in mir drin! Sie horcht in sich hinein. Dieser Saft summt! Dieser Saft, erzählt Geschichten vom Leben! Vom Aufwachen, vom Blühen, vom Sterben, vom Stillsein, vom ….. er hört gar nicht auf mit reden. Dieser Saft, sagt aber nichts von Anpassung, er erzählt vom Wahrnehmen des eigenen Rhythmus und vom Vertrauen in ihn, und dass jedes Lebewesen seinen eigenen hat.

Zum ersten Mal, seit dem letzten Frühling, wird die kleine Wurzel wirklich still. Ich wollte der alten Frau wieder eine Freude machen, indem ich blühe. Das war so schön! Aber sie meinte wohl nicht, ich solle das ganze Jahr blühen, hm.

Das macht niemand, meldet sich der kleine Saft wieder. Alle, alle Lebewesen haben einen Rhythmus und kein einziger gleicht dem anderen. Ja, es gibt Frühlingsblumen, aber jede kommt dann zum Vorschein oder verblüht wieder, wie es zu ihnen passt, auch du! Komm, sagte der Lebenssaft, wir spielen, singen, tanzen und rätseln miteinander. Wir zwei gehören zusammen. Keiner könnte ohne den andern sein. Zusammen leben wir, zusammen blühen wir, zusammen sterben wir. Und weißt du was? Du bist ein Geschenk! Weil du deine Kraft, die von innen kommt, spürst. Du schenkst Freude, weil du Freude bist und du bist frei, weil du auf deinen ureigenen Rhythmus hörst. Und wenn dieser sagt, geh raus und blühe, obwohl es noch Winter ist, dann ist das ein Geschenk deiner Kraft an dich, dass du diese Erfahrung machst.

Die kleine Wurzel staunt über das, was alles in ihr drin los ist.  Sie strahlt vor Freude, ein so liebevolles Innenleben zu haben. Mit einem Seufzer hält sie inne, atmet und lauscht. Auf einmal ist da eine Welle in ihr drin, die sie von Innen heraus bewegen und gleichzeitig wachsen lässt. Aus der kleinen Wurzel formt sich ein kleiner, grüner Kopf, der sich voller Vertrauen durch die harte Erde an die kalte Januarluft gräbt. Altes Laub umgibt ihn wie ein Nest, dann spürt er die Sonne. Ausser Atem wartet die kleine Primel auf den nächsten Impuls von ihrem Lebenssaft und….

…. breitet glücklich ihre zarten Blütenblätter aus. Ich bin ein Geschenk! Wir sind ein Geschenk! Die Erde, der Himmel, die Sonne, mein Saft und ich!

Ich wünsche dir, dass du immer wiweder den Mut hast, auf deine innere Stimme zu hören., dann zu blühen, wenn die Zeit reif ist für dich. Niemand, wirklich niemand kann dir sagen, wann das sein wird. Vertrauen! Hm…. Vertrauen in sich selbst, mit allem, was uns ausmacht ist wohl das schwierigste überhaupt. Aber wir schaffen das!

Darum sage ich jetzt laut zu mir und zu dir, damit ich es lerne…. ich liebe meine Ungeduld, meine Zweifel und mein Gesicht, wenn ich morgens in den Spiegel schaue….. ich erlaube mir, zu widder(ich habe bald Geburtstag ;-)sprechen und dabei zu wachsen….. es lebe das Menschsein mit ALLEN Farben!

Ich grüsse dich von Herzen fest!

Iris, die WeltenWindFrau

http://weltenwind.ch

Die Kraft der Zartheit

Nebel steigt langsam aus dem Tal, so als würde er sich von Baum zu Baum den Berg hinauf hangeln. Er taucht alle schroffen Kanten in weiche Linien. Zartheit breitet sich aus.

Alles ist milchig weiss, nur noch die zarten Verläufe der Äste bewegen sich vor meiner Nase. Die Bäume werden lebendig. Es sind Wesenheiten, die nicht mehr ruhig und gelassen dastehen. Je länger ich sie betrachte, desto lebendiger werden sie. Die Zartheit des Nebels hüllt sie ein und ihr ureigener Ausdruck nimmt die Gelegenheit wahr, sich zu zeigen.

Die Bewegungen sind langsam und fliessend. Raum und Zeit verschwinden, sie wirken so frei!

Da neigt sich die Eiche mit ihren starken, verwinkelten Armen sanft zu der noch jungen Kastanie, deren Finger schnurgerade in den Himmel zeigen. Und da beginnt der Tanz. Zart berühren sie einander und flüstern sich geheime Worte zu. Diese Klarheit in ihren Bewegungen, diese Eleganz, dieser Frieden des Miteinanders, es ist eine einzige Einladung, mich ihnen anzuschliessen.

Mit meinen Händen und Armen, ja mit meinem ganzen Körper versuche ich ihren Linien zu folgen, ganz leise, ganz achtsam, der Baummelodie folgend. Ich verspüre den Wunsch wie sie zu sein. So sicher in dem, was sie tun, so verankert in ihrem Sein. Zweifeln sie denn niemals?

Wie schaffen sie es ihre Liebe, ihr Leben ganz und gar dem Sein zu widmen?

Sie lassen Wind und Wetter einfach zu. Ich sehe ihnen an, wie ihre Äste sich genau deswegen unaufhaltsam einen Weg in ihr Wachstum suchen. Ich staune über diese Schönheit und lasse mich von ihr mitnehmen. Da! Ich spüre ein Pulsieren in diesen lebendigen Wesen….ja, ich bin ganz sicher! Mit aller Kraft und Zartheit wollen Knospen einen Weg ans Licht finden. Diese Kraft und Unbeirrbarkeit!

Ich werde still. Ich nehme meine Astarme nah zu mir. Spüre den Lebenslinien nach, die mich in den letzten Jahren berührt haben. Bin ich ihnen mit Zartheit, Wohlwollen und Achtsamkeit begegnet? Mein Herz erinnert sich an wunderschöne, berührende Begegnungen. Aber auch an verbissenes Kämpfen, an Misstrauen und Ablehnung.

Der Winter geht bald zu Ende und der Frühling steht vor der Türe. Es ist genau die richtige Zeit, Abschied von den letzten verrückten Jahren zu nehmen. Ich wünsche mir, dass ich es schaffe, mit jedem Frühling, den ich erlebe mit Verständnis, Liebe und Annahme darauf zurückzuschauen.

Aber jetzt lasse ich mich erstmal von der Zartheit des Nebels einhüllen, auf dass ich wieder den Mut finde mich in meinem Sein zu finden und mich endlich frei zu bewegen.

Was kitzelt mich da in meinen Händen? Kann es sein, dass sich da mutigzart die ersten Knospen melden?

Bald gibt es auf http://weltenwind.ch neue Kurse, schau nach, vielleicht hat es auch etwas für dich dabei?

Der erste Frühling kommt!

Ich grüsse dich mit der Kraft der Zartheit

Iris