
Nachgedacht habe ich nicht, als ich zum Kohlestift griff und nach einer Figur in den Farben auf dem Papier gesucht habe. Ich habe mir die Freiheit gegeben, einfach Linien zu ziehen, herumzukritzeln, aber sie auch wieder zu verwischen, wenn sie mir nicht gefallen. So bin ich spielerisch von Fläche zu Fläche gezogen und geschaut, was dieses Netz, das ich da webe, mir zeigen will.
Auf einmal ist sie da. Diese Frau, mit dem nachdenklichen Gesicht. Sie schaut mich an, als würde sie mir sagen, halt mal an! Ich lasse meine Hand sinken und atmete tief ein. Ich behalte das Eingeatmete eine Weile in mir drin und schaue sie ungläubig an. Mit einem Ausatmen setze ich auf meinen Grossmutterstuhl mit Armlehnen und ahme meine Skizzenfrau nach, indem ich wie sie meinen Kopf auf meine Hand stütze.

Lange schauen wir uns an und irgendwann bin ich nicht mehr sicher, wer nun wen nachahmt. Diese Skizzenfrau gibt mir das Gefühl, ich zu sein. Es verstreicht ganz viel Zeit, bis ich mich aus dieser Position heraus bewege, denn da rumort etwas, was mich innehalten lässt.
Natürlich gleicht sie mir in keinster Weise, aber ihr Gesichtsausdruck spiegelt meine Gefühlslage wider. Über Geschehenes zu grübeln, mich in inneren Bildern zu verlieren, meinem Herzschlag zu lauschen, die Schwere meines Körpers zu spüren. Ja, und fühlen, ganz viel fühlen.
Obwohl ich keinen Kohlestift in der Hand habe, ziehe ich Linien von einem Gedanken zum anderen, verwische aufkommende Gefühle, bewege meinen Körper kaum, denn der muss ja diese ganze Konstruktion halten, die ich da innerlich baue. Ooch, ist das anstrengend!

All das braucht Zeit und ist total unproduktiv, scheint die Skizzenfrau mir zu sagen. Nicht nur das, es nervt. Du nervst mit deinem Nachdenken. Da passiert einfach nichts, ausser dass du alt und traurig aussiehst, weil du vor lauter Tagträumen zu leben vergisst. Los, hol Farbe und mach irgendetwas. Oder geh hinaus ins bunte Herbstwetter und lass dir den Wind um die Ohren sausen, auf dass er dir alles wegbläst, was dich trüb macht.
Diese Frau besteht nur aus ein paar Linien und schon will sie mir weismachen, wie der Hase läuft? So schnell gebe ich nicht auf, also nehme ich trotzig Farbe und male irgendwelche Flächen, die nichts ergeben. Der Frust wird grösser und grösser, die Zweifel abgrundtief.

Unterdessen bin ich der festen Überzeugung, dass Herbststürme nicht nur die Blätter von den Bäumen reissen, sondern auch all unsere Gedanken, die nirgendwo hinführen. Dieser Wind kann alles mitnehmen, auch Liebgewonnenes, Altbewährtes, Nachgedachtes oder Dinge, an die wir uns klammern, aber für uns schon längst nicht mehr dienlich sind.
Ich bin draussen in der Natur, um mich fegt ein Sturm, physisch, aber auch in meiner Erlebniswelt. Ich gebe ihm alles mit, einfach alles; dazu gehören auch Träume und das tut weh. Nichts ist mehr da, nur eine Hülle, die meinen Namen trägt. Ich lehne mich an eine Buche, und schaue den goldenen Blättern zu, wie sie davon tanzen. Ist der Baum nur noch Hülle, wenn alle Blätter fort sind?

Oh nein! Die Buche wird ruhig und ist gleichzeitig ganz lebendig. Tief verwurzelt, mit dem Himmel verbunden, wird sie kahl und skurril in ihrer Form und so wird sie im Winter SEIN. Sie lebt ihre Essenz ganz und gar! Einfach so. Ohne Erklärung, lebt sie das, was sie ausmacht. Und sie steht im wahrsten Sinn des Wortes dazu! Diese Ausstrahlung ist immer da, auch wenn aus ihr einmal ein Möbelstück gemacht werden würde. Ihre Seele ist unsterblich, genau wie unsere. Unser Kern bleibt, was auch immer das Leben von uns will.
Mutig kehre ich zurück zu meinem Bild, schaue der Skizzenfrau in die Augen und bin berührt. Sie hat mich an meine Essenz erinnert. Ich spüre da so einen Funken, einen Kern, etwas Einzigartiges, das schon immer da war. Ich habe nachgedacht und nichts gesehen. Ich habe dem Zweifler zugehört, nicht aber meiner Farbe vertraut. Ich habe mich von wilden Gedanken einsperren lassen, anstatt mich freizulassen.

Ein warmes Gefühl macht sich beim Anblick meiner Skizzenfrau breit. In ALLEM steckt eine Essenz! ALLES ist beseelt! Da kommt mir ein Song aus den 80ern in den Sinn. True Colors von Cindy Lauper. Hörst du ihn auch gleich in deiner Erinnerung? Unten findest den Link.
Lassen wir unsere wahre Farbe erklingen, komm, wir zeigen sie mutig der Welt. Da ist diese einzigartige Schönheit, die wir ausstrahlen und leben MÜSSEN! Unsere Essenz ist eine Bereicherung für diese Erde. Jede einzelne ist wichtig in diesen wilden Zeiten. Zusammen weben wir so ein Band, das uns alle hält.
Und jetzt, wo ich genau hinschaue, schmunzelt die Skizzenfrau etwa?

Liebe Leserin, lieber Leser, ich wünsche dir zauberhafte Herbststürme, die deine Farben zum Vorschein bringen und sie tanzen lassen. Und hier der Link zum Song.:
….oder sanfte WeltenWindGrüsse von mir…

