Sicher … nicht!

Sicher nicht

Autsch!

Das tut weh. Da gehe ich, mit mürrischen Schritten und wildem Herz. Ich achte nicht auf die Umgebung, bin ganz vom Erlebten eingenommen. Um ehrlich zu sein, in mir tobt ein Sturm, der alles fortreisst, was nicht niet- und nagelfest ist. Um noch ehrlicher zu sein, da ist eigentlich kaum etwas Festes, etwas, woran ich mich hätte halten können. Darum liegt alles in kürzester Zeit in Trümmern. Und jetzt? Aufräumen? Nein! Sicher nicht! Warum immer ich? Soll doch der andere auch einmal!

Ich bin immer noch unterwegs. Noch grimmiger, mit fast stampfenden Schritten. Soll ich heulen? Laut schreien? Die Leute auf der Strasse an meiner Wut teilhaben lassen? Nein! Sicher nicht! Das regle ich alles selber! Ha! Ich bin selber gross…

Ich fülle meinen Brustkorb mit Trotz, schüttle meine Schultern und halte mein Kinn selbstbewusst in die Luft.

Autsch!

Ich liege auf dem Boden. Es ist nämlich Winter, eiskalt und die Strasse spiegelglatt. Wie eine Puppe bin ich geflogen und sitze nun da, die Beine von mir gestreckt. Mit der Hand fahre ich über das Eis…………….  ohhhh………… so zart und so hart………..

Langsam rapple ich mich wieder auf, und genauso langsam beginne ich zu lachen und noch langsamer taste ich mich vorwärts.
Aber ich werde mutiger. Bewege mich, als hätte ich Kufen an den Schuhen, kreische laut, wenn ich fast wieder das Gleichgewicht verliere und lache befreit in meinen Bart……

In meinen Ohren höre ich die Stimme meiner Grossmutter:
„Weisst du, wir müssen mit dem gleichen Gesicht wieder fröhlich werden…“

Ach je, wie recht sie hat!

Im Schatten

Im Schatten

Ich sitze im Schatten meiner Gedanken.
Ich sehe den blauen Himmel, nicht aber die Sonne.
In aller Ruhe denke ich nach. Niemand stört mich. Soll ich traurig sein oder zufrieden über die Stille?
Der Schatten ist der beste Ort, um zu beobachten. Es gefällt mir hier – manchmal.
Um mich pulsiert das Leben. Ich sehe die Sonne in den Gesichtern der Menschen, an den Hauswänden, in den Scheiben der Autos und auf den Wipfeln der Bäume. Es ist aufregend, ja anregend da draussen.

Schnell lege ich meine Hände auf meinen Bauch, denn meine Gedanken fangen an mich zu quälen:
Los!
Geh, tanze mit im wilden Reigen an der Sonne!
Zeig dich!
Komm schon!
Tu etwas!
Sei nicht so langweilig!
Versteck dich nicht immer!

Ich atme tief ein ……………… und dann wieder aus ……………..

Meine Hände geben meinem Becken warm – oder umgekehrt?

Ich bleibe im Schatten sitzen, halte ganz langsam meine Nase an die Sonne, beginne zu blinzeln, forme die Lippen zu einem Kuss. Genüsslich ziehe ich mich wieder in den Schatten zurück – in das Leben meines Innern.

Ja, ja ………. das nächste Mal strecke ich auch noch meine Füsse aus,
aber nur, wenn ich will!

Aber heute?

Feder

„Schnee von gestern“, sagte die Elster und breitete ihre Flügel aus, stiess mit ihren dünnen Vogelbeinen vom Boden ab und flog davon.

„Was meinte sie wohl?“ dachte die Maus. „Sie ist doch sonst so gesprächig, aber heute … ?“

Sie hatten eine Abmachung. Die Elster brachte ihr Nüsse aus der Umgebung, und die Maus grub allerhand Essbares aus der Erde. Da der Winter noch nicht da war, blühte der Handel. Und meistens erzählte  die Elster auch das Neueste von nah und fern. Aber heute …?

Heute war die Elster wortkarg. Ihre schwarzen Augen blitzten nicht wie sonst. Auch flatterte sie nicht mit ihrem schwarz-weiss-blauen Federkleid, um zu zeigen, wie schön sie war.

Am nächsten Tag kam die Elster wieder zu der Maus, ohne Nuss, traurig und matt.

„Was hast du?“, fragte die Maus.
„Ich weiss nicht, wozu ich nützlich bin“, antwortete die Elster.
„Aber du bringst mir doch jeden Tag Nüsse!“
„Das reicht doch nicht! Ich möchte so hoch fliegen wie der Milan! Ich möchte so farbig sein wie der Eichelhäher! Ich möchte so lustig sein wie die Kohlmeise und ich möchte mich manchmal verkriechen so wie du.“

„Oh, das ist wirklich traurig. Da hat es meine Freundin tausendmal besser als du!“
„Echt? Wieso? Erzähl!“

„Wenn ich hier auf meinem Erdhügel sitze, sehe ich sie schon von weitem mit ihrem breitgefächerten Schwanz und den Fingerflügeln. Ich erkenne sie sofort und brauche mich nicht zu fürchten. Dann schenkt sie mir eine Nuss und beginnt lustig von den Farben in der Welt zu erzählen.
Ich habe sie sehr gern, weisst du, und ich freue mich jeden Tag auf ihren Besuch.
Und noch etwas: Baumnüsse sind für mich zu gross zum Knacken, aber ich sage es ihr nicht, weil ich es immer so gemütlich finde hier mit ihr hinter dem versteckten Erdhügel zu plaudern.“

Lange sitzen Elster und Maus beim Erdhügel und schauen in die Weite ……… der Landschaft ………. in ihnen drin.

Da breitet die Elster ihr wunderbares Gefieder aus und lässt ihre Augen listig aufleuchten, fliegt davon, um wenig später wieder zu kommen. Im Schnabel eine halbe Nuss. Kurz darauf holt sie auch noch die andere Hälfte. Zusammen klauben sie die Frucht heraus und fressen sie  genüsslich.

„Danke, Maus, du bist ein echter Freund! Gerne teile ich mit dir meine Nüsse“, jubelte die Elster und flog glücklich kreischend davon.

„Bis morgen!“

 

Unsichtbar

die frau

Ich bin da. Ich nehme wahr.
Da klingt etwas! Hallo! Ist da jemand?

Wie gerne würde ich mit dem Unsichtbaren sprechen. Fragen stellen und noch lieber zuhören.

Haaalloo! Was immer da tönt, ich höre zu. Wie geht die Geschichte?

Es war einmal eine Frau. Sie wollte zuhören, aber sie traute sich nicht. Jedesmal, wenn es ganz klar zu klingen anfing, hörte sie nur noch auf ihr Geplapper im Kopf, nistete sich dort wohlig ein, denn dort fühlte sie sich zu Hause. Bis der Lärm im Kopf immer lauter wurde. Sie versuchte mit aller Anstrengung da rauszukommen, um die klaren Klänge wieder zu hören.
Und so ging es Tag für Tag, Jahr aus Jahr ein, hin und her.

Eines Nachts stand sie da, im Traum, im Dunkeln, atmete und horchte – nicht. Weder auf ihren Traum, noch auf ihren Wecker, noch auf das Getöse innerhalb ihres Körpers, noch auf die Stille der Nacht.

Sie ahnte. Da war etwas. Weit, weit weg. Und es kam immer näher. Lautlos. Im Flug ein magischer Tanz. Ein Hauch. Ein Schrei! Ein endlos langer Schrei. Ein Weckruf!

Die Frau steht da und sie nimmt wahr.
Da ruft etwas. Nicht draussen, tief in ihr drin. Ganz weit weg und doch so nah. Unsichtbar und voller Urkraft.

Ich beginne zu verstehen – tief bewegt vom gedankenlosen Wissen.

Der Mantel

der mantel

Schnell weg. Mir ist das Ganze nicht mehr geheuer. Ich war viel zu lange in diesem Mischmasch. Wie konnte ich nur? War ich denn die ganze Zeit so blind?

Ich hasse Unklarheiten, Widersprüche, Verwechslungen. Man ist entweder Fisch oder Vogel, aber sicher nicht beides!
Und nun wird mir genau das vorgeworfen. Da kommt diese graue Gans und sagt mir alles, was ich sicher nicht sein will, und schon gar nicht bin, direkt ins Gesicht. Ha! Dass ich nicht lache. Soll sie doch selber in den Spiegel schauen, sie hat ja keine Ahnung!

Also, ich gehe jetzt und lasse mir nichts mehr bieten.

ich bin ………. unterwegs
ich bin ………. in Gedanken
ich bin ………. voller Gespräche
ich bin ………. voller Rechtfertigungen
ich bin ………. unsicher
ich bin ………. verwickelt

ich gehe ………. barfuss und es pieckst manchmal
ich gehe ………. nach Hause
ich gehe ………. schnell

ich will ………. dass die Luft mich zerzaust
ich will ………. das Herz in meinen Ohren schlagen hören
ich will ………. den Weg sehen, den ich gehe
ich will ………. die Suppe essen, die ich mir zugemutet habe

Denn, wenn du meinst, ich könne diesen Mantel einfach ausziehen und ich käme hervor, täuschst du dich. Dies ist keine Verkleidung.

Ich habe ………. Angst
Ich habe ………. Scham
Ich habe ………. Freude
Ich habe Federn auf dem Kopf und Flossen auf dem Rücken.

Die Drei

die drei nornen (1)

Wir sind drei. Immer da. Zusammen. Die eine folgt der anderen. Überallhin.
Manchmal nervt’s, weil jede gerne die Wichtigste ist. Dann fliegen die Fetzen. Es wird erbittert gekämpft. Mit Argumenten, wilden Blicken, ja sogar mit Händen und Füssen.
Ein kleines Lüftchen kann zu einem Orkan werden:
Du! Nein ich! Nein die da! Immer! Nie! Und überhaupt! Diese Arroganz! Du bist ja nur neidisch! Und du eingebildet! Zerstörerin! Wut! Blut!

Jede von uns rennt um ihr Leben. Schutz suchend, Bestätigung suchend, Liebe suchend.

Doch jedes Mal ist es dasselbe: Das Herzblut spinnt einen Faden. Mit seinem Rhythmus gibt es dem Lebensrad den Schwung:

Woher komme ich?
Wer bin ich?
Wohin gehe ich?

Woher komme ich?
Wer bin ich?
Wohin gehe ich?

Woher komme ich?
Wer bin ich?
Wohin gehe ich?

Wo………………

Der rote Faden wickelt euch in eure Geschichten. Jeden Tag ein bischen mehr. Führt euch zur Erkenntnis, ins Wissen. Ihr ergattert eure Vollmacht über euer Leben und ihr versucht immer wieder die Kraft, die Schönheit, die Weisheit und die Wildheit darin zu erkennen.
Und wenig später sieht alles wieder anders aus …

Und so sind wir drei Schicksalsgöttinnen wieder zusammengerückt.
Aber entscheidet IHR, wer von uns die Wichtigste ist:

Die Vergangenheit?

Die Gegenwart?            oder

Die Zukunft?

Coming out

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Ja – das bin ich.
Nein – ich habe keine Windpocken.
So – sehe ich nach dem Duschen aus.
Sie – die Tagescreme ist noch nicht verstrichen.
Ich – schaue mich im Spiegel an.
Es – ist Morgen.

Lange schaue ich in den Spiegel und hänge noch meinem Traum nach. Ich übe blicken. Wenn ich ganz normal schaue, sehe ich mein Spiegelbild. Dann beginne ich die Augen zu verdrehen und ich schlüpfe in beliebige Rollen. Welches Gesicht soll ich heute aufsetzen? Welches Spiel spielen?

Wie traurig. Unmöglich ohne dieses Spiel auszukommen. Jeden Morgen die gleichen Handgriffe. Bis ich so aussehe, wie mich alle kennen.

„Ich bin immer für dich da!“
Wer spricht?
„Ich!“
Wer bist du?
„Ich, dein Herz!“
Was willst du?
„Ich bin immer für dich da, was immer du tust. Ich schlage dir den Rhytmus zu deinem Leben. Auch wenn du so peinlich bist wie gerade jetzt.“

Endlich! Ich habe es geschafft! Danke, du mein Liebstes, Unentbehrlichstes! Heute ist mein coming-out:

Ich bin – voll echt!

So-sein

So-sein BILD

– Krach!
* Krach? Ist dir etwas zu laut?
– Nein, ich meine nicht Lärm.
* Dann ist etwas auseinandergefallen?
– Nein, es war nie ganz zusammen.
* Krach?
– Krach! Streit! Wut! Wut! Wut!
* Mit wem?
– Sag ich nicht.

* Dann behalte es doch für dich, du pingeliges Rechteck!
– Pah! Du bist ja selber eines!
* Ja, aber ich bin zufrieden damit, und ich bin gern mit all den andern Rechtecken zusammen.
– Deine Heuchelei macht mich rasend! Glaubst du dir etwa, was du da sagst?
* Hey, bist du auf mich wütend?
– Ja!
– Nein!
– Ach …………………
* Los, raus damit! Jetzt will ich’s wissen.

– Ich könnte schreien, wenn meine Grenzen missachtet werden. Es schmerzt, wenn mein So-sein keine Achtung findet. Es zerstört mich, wenn ich überhaupt nicht beachtet werde.

* Du bist ja auf dich selber wütend!
– Ooch, sei doch still! Geh mir aus dem Weg mit deiner Besserwisserei!

Frau Berg

Nächstes BILD

Guten Tag. Ich bin Frau Berg. Ich bin Ahnin. Mich gibt es nicht mehr physisch auf dieser Welt. Sehr wohl aber lebe ich noch in den Herzen, Gedanken und Träumen meiner Nachkommen weiter. Das ist ein wohliges Gefühl!

Mein Leben auf dieser Erde war von grossen, kleinen und Kleinstkriegen geprägt. Kämpfen, ja das musste ich mein ganzes Leben lang. Dabei bin ich in den grünen Hügeln am grossen Fluss geboren worden – was für eine Idylle! Aber eben, fast nur fürs Auge.

Etwas vom Schönsten in meinem Leben war die Liebe von und zu meinen Enkelkindern. Sie brachten mich zum Lachen, und ich wagte meine lustigen, frechen und spielerischen Seiten zu zeigen. Ich schenkte ihnen alles, was mir zur Verfügung stand. Und sie bedankten sich wiederum, indem sie noch mehr spielen und Geschichten hören wollten (oder waren es immer dieselben?).

Wie sie so neben mir auf dem Sofa sassen und lauschten, hörte ich ihr vertrauensvolles Atmen und dies sagte mir, dass jetzt, in diesem Moment, Geborgenheit und Schutz, ja Freude und Liebe da war, trotz dem Schwierigen um uns herum.

Ich habe einen brauchbaren Samen gepflanzt, das weiss ich und sehe ich. Geschichten sind heilend und Hüte auch. Ich habe sie gerne getragen und sie standen mir auch unverschämt gut.

So nehme ich den meinen ein zweites Mal und setze ihn auf mein volles Haar, schmunzle dankbar und übernehme wieder die Rolle der Ahnin mit meiner ganzen Art.

Leben blüht von Generation zu Generation und ich war ein Teil davon…  hei, ist das schön!

In der Stadt

Ich bin glücklich! Ich war auf einer Reise und komme gerne nachhause, obwohl es mir auf der Reise gefallen hat.

Ich freue mich, denn heute ist in meiner Stadt etwas los. Die Leute sind für einmal abends unterwegs, um einzukaufen: Kleider, Schmuck, Schuhe, Seifen und Parfums, lauter Dinge, die man eigentlich gar nicht braucht. Es wird gelacht, getratscht, im Stehen allerlei durcheinander gegegessen. Und natürlich werden verschiedenste Säfte getrunken. Ich bin glücklich!

Ich habe mir ein neues Kleid gekauft und auch noch neue Schuhe. Ich finde mich schön, so schön, dass ich am liebsten auf der Strasse tanzen möchte. Ich müsste nur die Augen schliessen, dann würde ich niemanden sehen und ich hätte den Mut, allen mein Glück zu zeigen. Und am allerliebsten würde ich alle damit anstecken.

„Kommt! Schliesst die Augen und tanzt mit mir euer Glück, eure Freude, euren Schmerz, eure Trauer.“

Ich glaube, das wäre ein Glück für uns alle…