Im Schatten

Im Schatten

Ich sitze im Schatten meiner Gedanken.
Ich sehe den blauen Himmel, nicht aber die Sonne.
In aller Ruhe denke ich nach. Niemand stört mich. Soll ich traurig sein oder zufrieden über die Stille?
Der Schatten ist der beste Ort, um zu beobachten. Es gefällt mir hier – manchmal.
Um mich pulsiert das Leben. Ich sehe die Sonne in den Gesichtern der Menschen, an den Hauswänden, in den Scheiben der Autos und auf den Wipfeln der Bäume. Es ist aufregend, ja anregend da draussen.

Schnell lege ich meine Hände auf meinen Bauch, denn meine Gedanken fangen an mich zu quälen:
Los!
Geh, tanze mit im wilden Reigen an der Sonne!
Zeig dich!
Komm schon!
Tu etwas!
Sei nicht so langweilig!
Versteck dich nicht immer!

Ich atme tief ein ……………… und dann wieder aus ……………..

Meine Hände geben meinem Becken warm – oder umgekehrt?

Ich bleibe im Schatten sitzen, halte ganz langsam meine Nase an die Sonne, beginne zu blinzeln, forme die Lippen zu einem Kuss. Genüsslich ziehe ich mich wieder in den Schatten zurück – in das Leben meines Innern.

Ja, ja ………. das nächste Mal strecke ich auch noch meine Füsse aus,
aber nur, wenn ich will!

Liebe Rosa

Liebe Rosa

Schwebend im offenen Raum reise ich durch die Zeit. Da sein, hier sein, mich drehen, den Wind und seine Botschaften in den Haaren spüren und hören, meine Arme ausbreiten und schon bin ich mit nah und fern verbunden. Ich höre, ich fliege, ich spüre, ich erzähle, ich tanze.

Oh, da kommt ein Brief!

Liebe Rosa
Ich liebe dich nicht mehr. Oder um es genauer zu sagen, du nervst. Zu dir passen die Worte „immer“ und „nie“.
Immer hälst du die Finger in meine Wunden, und nie übersiehst du sie.
Immer hast du recht, und nie gibst du nach.
Immer merkst du alles schon von weitem, und nie kann ich dir etwas vormachen.
Nun habe ich genug. Ich verlasse dich. Und ich freue mich jetzt schon auf die viele Zeit, die ich haben werde, um meine Schwächen zu geniessen. Von jetzt an mache ich, was ich will!
Ich grüsse dich, und verabschiede mich auf Nimmerwiedersehen!
R.

Diese Stimme kenne ich doch! Sie ist mir vertraut…….. , seit ich … seit ich gut und böse zu unterscheiden gelernt habe. Da nützt alles Schweben, keine Zeitreise ins Wahrnehm-All etwas, ich kann sie nicht überhören. Sie kommt von mir, es ist meine eigene, und ich finde, sie hat voll Mut!

Schnell ziehe ich meinen Lieblingsrock an, schimpfe über die Stärke meiner Schwächen und tanze befreit meine …

Sonnenseiten!

Aber heute?

Feder

„Schnee von gestern“, sagte die Elster und breitete ihre Flügel aus, stiess mit ihren dünnen Vogelbeinen vom Boden ab und flog davon.

„Was meinte sie wohl?“ dachte die Maus. „Sie ist doch sonst so gesprächig, aber heute … ?“

Sie hatten eine Abmachung. Die Elster brachte ihr Nüsse aus der Umgebung, und die Maus grub allerhand Essbares aus der Erde. Da der Winter noch nicht da war, blühte der Handel. Und meistens erzählte  die Elster auch das Neueste von nah und fern. Aber heute …?

Heute war die Elster wortkarg. Ihre schwarzen Augen blitzten nicht wie sonst. Auch flatterte sie nicht mit ihrem schwarz-weiss-blauen Federkleid, um zu zeigen, wie schön sie war.

Am nächsten Tag kam die Elster wieder zu der Maus, ohne Nuss, traurig und matt.

„Was hast du?“, fragte die Maus.
„Ich weiss nicht, wozu ich nützlich bin“, antwortete die Elster.
„Aber du bringst mir doch jeden Tag Nüsse!“
„Das reicht doch nicht! Ich möchte so hoch fliegen wie der Milan! Ich möchte so farbig sein wie der Eichelhäher! Ich möchte so lustig sein wie die Kohlmeise und ich möchte mich manchmal verkriechen so wie du.“

„Oh, das ist wirklich traurig. Da hat es meine Freundin tausendmal besser als du!“
„Echt? Wieso? Erzähl!“

„Wenn ich hier auf meinem Erdhügel sitze, sehe ich sie schon von weitem mit ihrem breitgefächerten Schwanz und den Fingerflügeln. Ich erkenne sie sofort und brauche mich nicht zu fürchten. Dann schenkt sie mir eine Nuss und beginnt lustig von den Farben in der Welt zu erzählen.
Ich habe sie sehr gern, weisst du, und ich freue mich jeden Tag auf ihren Besuch.
Und noch etwas: Baumnüsse sind für mich zu gross zum Knacken, aber ich sage es ihr nicht, weil ich es immer so gemütlich finde hier mit ihr hinter dem versteckten Erdhügel zu plaudern.“

Lange sitzen Elster und Maus beim Erdhügel und schauen in die Weite ……… der Landschaft ………. in ihnen drin.

Da breitet die Elster ihr wunderbares Gefieder aus und lässt ihre Augen listig aufleuchten, fliegt davon, um wenig später wieder zu kommen. Im Schnabel eine halbe Nuss. Kurz darauf holt sie auch noch die andere Hälfte. Zusammen klauben sie die Frucht heraus und fressen sie  genüsslich.

„Danke, Maus, du bist ein echter Freund! Gerne teile ich mit dir meine Nüsse“, jubelte die Elster und flog glücklich kreischend davon.

„Bis morgen!“