
Wo bist du? rief die Frau von ihrem sicheren Platz aus. Ich warte auf dich schon so lange! Beim Rufen zog sie die Worte in die Länge, um deutlich zu machen, dass sie wirklich schon sehr lange wartete und es langsam leid war.
Sie schaute in die Ferne, angestrengt, weil sie nichts und niemand verpassen wollte. Sie liess den Blick schweifen und, wenn sich nur der kleinste Grashalm bewegte, hielt sie den Atem an und fixierte diesen Punkt, nur um festzustellen, dass es wieder nur der Wind war, der übers Land gewandert war. Der Rücken tat ihr vom Warten langsam weh und schlafen konnte sie schon lange nicht mehr richtig, aber sie gab nicht auf. Irgendwo musste sie doch sein!
Manchmal, in den frühen Morgenstunden lag sie wach da und versuchte sich zu erinnern. Wann hatte sie diese Vertrautheit das letzte Mal wahrgenommen oder gar deutlich gespürt? War sie einfach grusslos verschwunden? Konnte die eigene Seele einem verlassen, mit allen Gaben, die man mitgebracht hat und man lebt trotzdem weiter?

Die Frau fühlte sich leer, so so leer. Es konnte nicht anders sein, als dass ihre Seele einfach auf und davon gegangen war. Ja, die Frau gab es zu, sie hatte sie herausgefordert. Sie wollte ihren Willen durchsetzen und Baumkletterin werden. Sie wollte das, weil es da oben doch atemberaubend schön sein musste, weil man dann mit diesem Können bewundert wurde und… man war dem Himmel so nah. Die Frau war überzeugt, dass das genau ihre Berufung war und sie setzte sich durch, gegen alle Umstände. Ich will das! Das muss ich können! Sagte sie sich immer wieder, als es ihr so viele Meter über dem Boden mulmig in der Magengegend wurde. Sie strengte sich an, übte und übte.
Bis sie eines Tages mühelos in einer Baumkrone ankam und einfach nichts spürte. Kein komisches Gefühl im Bauch, aber auch keine Freude über ihren Erfolg. Sie sass da oben, bestaunte die Aussicht und wartete, bis ihr Herz jauchzte. Nichts geschah, einfach nichts. Sie rief laut da bin ich!, versuchte extra zu lachen, warf die Arme für ein Hurra in die Luft, aber es waren nur Bewegungen ohne Leben.
Lange blieb sie da oben, das konnte doch nicht sein! So viele Stunden hatte sie damit verbracht, ihr Ziel zu erreichen, nun war alles umsonst?
Irgendwann kletterte die Frau wieder vom Baum herunter und ging zu sich nach Hause. Da stand sie nun, in ihrem Haus, das sich irgendwie fremd anfühlte und in der Gewissheit, dass ihre Seele gegangen war. Seither war sie auf der Suche nach ihr. Sie schaute sich auf der ganzen Welt um, aber sie fand sie nicht. Natürlich fragte sie Menschen, Tiere und Pflanzen, ob sie sie gesehen hätten, aber sie blieb unauffindbar. Kopfschüttelnd beschloss sie, von nun an Zuhause zu bleiben, Ausschau zu halten und nach ihrer Seele zu rufen.

Wie von alleine fing sie an, Ihr Zuhause mit Lieblingssachen zu schmücken und ganz langsam lernte sie ihre Umgebung kennen. Sie sprach mit allem, was ihr Auge sah und bei jedem Rascheln hielt sie den Atem an. Dabei wurde sie stiller und stiller. Sie legte sich in ihr warmes Zuhause, streckte die Beine in die Luft und versuchte den Himmel mit seinen Millionen von Sternen mit den Füssen zu spüren. Leise, ganz leise begann sie zu summen, bewegte ihre Zehen, legte die Hände auf ihren Bauch, klopfte mit den Fingern sanft den Takt dazu und bat so ihre Seele, doch wieder zu ihr zurückzukehren.
Sie hatte den tiefen Wunsch ihr zuzuhören, denn sie fühlte immer deutlicher, dass es da eine Sprache gab, die nur sie verstehen konnte. Ja, da gab es Geschenke, die nur für sie bestimmt waren und sie wusste mit Bestimmtheit, dass, wenn sie diese Geschenke annahm, sie sich wohl fühlen würde. Dass sie Baumkletterin sein konnte, ohne auf Bäume zu klettern und dabei kein mulmiges Gefühl im Bauch haben musste. Nein sie wird Dinge tun können, die sie erfüllen und glücklich machen. Und nicht nur sie, alle, die mit ihr zu tun haben werden.

Da spürte die Frau unter ihrem Rücken ein Beben. Schnell zog sie die Beine an, drehte sie sich auf die Knie, setzte sich auf ihre Fersen und schaute umher. Ist da jemand? Das Beben nahm zu. Was geht da vor? Bist du wieder da, du liebe meine Seele?
Doch was war das? Sie war in ihrem Haus, aber es fühlte sich an, als wäre sie im Freien. Sie spürte den Wind, sah Blumen, Farben und Formen, die noch keinen Namen hatten und sie vernahm eine wundersame Musik aus der Tiefe emporwachsen. Sogar der blaue Himmel war da! Sie stand auf und drehte sich langsam im Kreis. Das ganze Geschehen war um sie herum und schien nirgendwo aufzuhören. Und diese Melodie! Sie hörte ihren eigenen, unverwechselbaren Klang. Da berührten sie ihre Farben und sie zauberten sich ihr ins Gesicht. Sie erkannte ihre ureigene Kraft wieder.
Sie war überwältigt ob der Fülle und der Schönheit, ihr Herz klopfte wild und vor lauter Freude tanzte sie mit allem, was sie sah und hörte. Am liebsten hätte sie alles fest umarmt.
Noch ganz schwindlig über das Wiedersehen blieb sie stehen und sagte laut zu ihrer Seele: Ich glaube es nicht, du warst die ganze Zeit hier bei mir in der Tiefe verborgen? Ich habe dich überall gesucht! Warum hast du mir nichts gesagt………?

Ja, manchmal suchen wir unser Glück und unsere Bestimmung im Aussen. Dabei schlummern sie die ganze Zeit tief in uns drin. Unser Leben wartet nur darauf, dass wir still werden und in uns hineinhorchen, um unser ureigenes Universum zu entdecken und es freudig in die Welt tragen. Stell dir vor, wie schön du bist, wenn du genau das tust! Ich freue mich schon, wenn wir uns über den Weg laufen….

Weltenwindgrüsse in deine wilde Schönheit!
Iris
Gerne kannst du meine Geschichten teilen oder mir erzählen, was du beim Lesen denkst, fühlst, erlebst……
